Interview: Doppelte Karriere, einfaches Problem?

Im Job wird heute eine hohe Flexibilität und Mobilität erwartet. Konflikte sind da vorprogrammiert, etwa ein Partner einen Ortswechsel anstrebt und der andere wegen einer besonderen beruflichen Spezialisierung ortsgebunden ist. Was müssen Paare beachten, wenn beide Karriere wollen – und auch Kinder. Simone Janson sprach mit Elisabeth Bröschen, Karriereexpertin im Netzwerk www.karriereexperten.com.

 

Welche Paare kommen zu Ihnen?Paare kommen zu mir, wenn sie Entscheidungshilfe brauchen, beruflichen Entscheidungssituationen stecken oder aus Veränderungswünschen heraus in eine Beziehungskrise geraten. Paare kommen aber auch, weil der Stress, der mit den unterschiedlichen und hohen Anforderungen durch Familie und Beruf einhergeht, die Beziehung sehr belastet.

 

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Paare zu kämpfen, die sich bei Ihnen beraten lassen? Ein Beispiel: ein junges Paar um die 30 Jahre kommt mit seiner Fernbeziehung nicht mehr klar: er ist Trainee in München, sie bereits in einem anspruchsvollen Job in Hamburg. Das gemeinsame Abendessen findet via skype vor der webcam statt, er soll und will demnächst eine mehrmonatige berufliche Ausbildungsstation in Asien absolvieren, sie denkt langsam an Kinder, eine gemeinsame Lebensbasis ist nicht in Sicht. Zweites Beispiel:  Ein Paar Mitte 40, mit einem achtjährigen Sohn,  beide sind mit einem je eigenen Unternehmen mit mehreren Angestellten selbständig, beide arbeiten sehr viel. Verhaltensauffälligkeiten des Sohnes wie auch eine Beziehungskrise, in der sie meine Hilfe suchen, lässt beide verstehen, dass sie nach einer neuen Balance zwischen Familie und Beruf suchen müssen, wenn sie wieder zueinander finden wollen. Ein drittes Beispiel:  Ein Paar Ende 30, er ist freiberuflich in der Werbebranche tätig, sie möchte nach der Elternzeit mit dem zweiten Kind wieder in ihren Beruf zurück in die Marketingabteilung  eines großen Unternehmens. Für beide bieten sich neue berufliche Chancen, für jeden in einer je anderen Stadt. Beide wollen eigentlich in Hamburg bleiben, auch weil sie hier auf ein gutes Betreuungsnetz für die beiden Kinder zurückgreifen können.

 

Inwiefern kann ein Paarcoaching helfen, dass Karriere- orientierte Paare eine Beziehungsbalance finden?Wie ein Paar die Themen Karriere und Familie miteinander verhandelt, ist zum einen gesellschaftlich bedingt. Gesellschaftliche Rollenanforderungen prägen auch die individuellen Einstellungen. Zugleich verhandeln Paare diese Themen aber auch auf einem individuell-biografischen Hintergrund: da spielt z.B. eine  enorme Rolle, wie die Eltern mit diesen Themen umgegangen sind, wie Konflikte gelöst wurden und welches Rollenvorbild ich verinnerlicht habe. Paarcoaching hilft dabei, sich der unterschiedlichen Faktoren, die  meine individuelle Paarsituation bestimmen, und ihrer Bedeutung bewusster zu werden. Paarcoaching kann deshalb dazu führen, Veränderungen in der äußeren Situation zu initiieren, z.B. eine Bewerbung oder die Einstellung einer Haushaltshilfe. Es kann vorrangig darum gehen, die Zeit der familiären und beruflichen Situation angemessener zu strukturieren. Schließlich kann das Paar bei einem Coaching auch unterstützt werden, konstruktiver zu kommunizieren oder Konflikte fairer auszutragen.  Oder die Partner entdecken beim Paarcoaching, dass  unbewusste Identifikationen  mit Rollenmustern aus der Herkunftsfamilie eigene Karriereschritte blockieren.  Nur, was mir bewusst ist, kann ich auch steuern. Stellen sie sich die Beziehung als ein beliebiges Gefährt vor, mit dem beide unterwegs sind, ein Paarmobil: kein Mensch käme auf die Idee, dass ein Gefährt ohne Inspektion und Wartung, ohne die Klarheit, ob der Motor einwandfrei läuft, ohne die Klarheit, wer wann steuert, wer mitfährt, wieviel Gepäck man an Bord nimmt usw. ruhig und sicher fährt. Paarcoaching können Sie heute so verstehen: als Wartung, Inspektion, notfalls auch Reparatur eines Paarmobils  oder auch einer Familienkutsche. Als Coach begleite, strukturiere und unterstütze ich einen  Austausch- und Entscheidungsprozess unter den Partnern, der faire und nachhaltige Lösungen für alle Beteiligten ermöglicht.

 

Sind die Ehen von Karrierepaaren trennungsgefährdeter als Ehen von traditionellem Zuschnitt, wo also die Frau ihr berufliches Fortkommen zurückstellt zugunsten von Kindern?Die Herausforderungen von berufstätigen Paaren sind  einfach anders und es kommt  eben darauf an, welche individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen und genutzt werden können, wie z.B. auch ein Paarcoaching“.  Das Leben als Paar hat mit seinen unterschiedlichen Phasen des sich Bindens, der Familiengründung und dann des Flüggewerdens der Kinder und des Alterns zu allen Zeiten Paare zu Entwicklung herausgefordert. Entscheidend ist: für die heutigen Herausforderungen gibt es wenig Rollenvorbilder.  Lebenskonzepte können und dürfen heute sehr individuell sein. Das ist eine Riesen-Chance und eine Riesen-Herausforderung gleichzeitig. Paarcoaching ist ein sinnvolles Angebot für Paare, die diese Chance klug nutzen wollen. Die eigenen wie auch die gesellschaftlichen Erwartungen an unsere männliche bzw. weibliche Rolle in Familie und Beruf haben sich in den letzten 30 bis 40 Jahren tiefgreifend gewandelt. Jedes Paar muss sich, ganz besonders, wenn Kinder ins Spiel kommen, damit auseinandersetzen, welche Visionen beide für ihre familiäre Situation und ihre berufliche Entwicklung haben und wie sie diese umsetzen können.  

 

Welche Möglichkeiten gibt es für Paare  mit Doppelkarriere, ihren Kindern ein fürsorgliches Zuhause zu bieten? Die Frage beinhaltet  bereits eine wichtige Feststellung: Kinder brauchen ein fürsorgliches Zuhause, das zugleich Selbständigkeit und Entwicklung fördert. Das sollten und können Partner, die beide Karriere machen oder machen wollen, im Blick haben. Kinder brauchen Sicherheit und Bindung und nachhaltiges Interesse an ihrer persönlichen Entwicklung, die sich auch über verlässliche Anwesenheit vermittelt. Das gilt nicht nur für kleine, sondern auch noch für pubertierende Kinder, die sich schließlich nur an jemanden reiben können, der da ist. Das braucht sorgfältige Absprachen, die Einbeziehung verlässlicher Dritter, ein gutes Unterstützungsnetzwerk. Das braucht auch  unter den Partnern die Fähigkeit, mit klarem Blick einzuschätzen, für wen gerade was am wichtigsten ist und wem im Moment ein Kompromiss am ehesten zuzumuten ist. Ich muss bestimmt nicht bei jedem Flötenvorspiel meines Kindes dabei sein, aber ich muss mitbekommen, wann es besonders wichtig ist und es dann auch tun. Mal kann ich vielleicht mein Kind per Handy ins Bett dirigieren, aber nicht dreimal pro Woche. Dazu braucht es immer wieder auch die Fähigkeit zu dem, was ich „heiteren Verzicht“ nenne, in Zeiten, in denen wir gewöhnt sind, alles, möglichst schnell und möglichst sofort zu bekommen,  nicht gerade populär.  Und Doppelkarrieren müssen – und dafür gibt es gute Beispiele – auch nicht immer genau bei beiden Partnern gleichzeitig den höchsten Einsatz abfordern. Das kann auch oft phasenweise abwechselnd geschehen. Diese Perspektive schafft Spielraum, Kinder gut im Blick zu behalten.